Kann eine geheimnisvolle Nachbarin Sophie das Glück leihen, das sie für ihren Auftritt braucht?

Titel: Geliehene Zeit

Sophie starrte auf den Bildschirm ihres Laptops. Das Display blinkte in einem grellen Blau und stellte die restlichen Tage bis zu ihrem großen Auftritt in der Show „Die Stimme der Zukunft“ dar. Sie hatte sich monatelang auf diesen Tag vorbereitet. Gesangstechniken, Stimmbildung, Auftrittstraining – alles, was sie für diesen Moment brauchte, war in ihr verankert. Doch tief in ihrem Bauch nagte ein Gefühl der Unsicherheit. War sie wirklich bereit?

Frustriert schloss sie den Laptop und verzog sich in ihre kleine Wohnung, die von der Hektik der Stadt versetzt wurde. Sie hatte ein bescheidenes Leben geführt, voll von Kämpfen und Rückschlägen. Der Traum von einer Karriere als Sängerin hatte sie durch die dunkelsten Zeiten getragen. Nun, an der Schwelle zu ihrem wichtigsten Auftritt, klopfte die Angst an ihr Herz.

In der Nacht träumte Sophie von einer geheimnisvollen Stimme, die zu ihr sprach. „Leih dir etwas Glück, Sophie“, flüsterte die Stimme, „und du wirst strahlen.“ Die Worte hallten in ihrem Kopf wider, als sie am nächsten Morgen aufwachte. Am Frühstückstisch sah sie über ihren Kaffeebecher hinweg in den Spiegel und bemerkte eine kleine, alte Frau, die im gegenüberliegenden Fenster stand und sie direkt anstarrte. Sophie konnte sich nicht erinnern, diese Frau jemals gesehen zu haben, und doch stellte sie fest, dass sie eine gewisse Ausstrahlung hatte.

Die alte Frau bemerkte Sophies Blick und winkte freundlich. Plötzlich fühlte Sophie sich zu ihr hingezogen. Wenige Minuten später stand sie vor der Tür der für sie geheimnisvollen Nachbarin. Auch wenn sie aufgeregt war, war ihre Neugier stärker. Die Frau öffnete vor einem kleinen, chaotischen Raum, der von einem einzigartigen Duft erfüllt war – eine Mischung aus frischen Kräutern und verschiedenen Teesorten.

„Ich habe auf dich gewartet, Sophie“, sagte die Frau mit einer Stimme, die wie aus einer anderen Welt klang. „Ich bin Clara. Komm rein.“

Sophie war überrascht, wie gut es sich anfühlte, in Claires Nähe zu sein. Die alte Frau strahlte eine gelassene Energie aus, die Sophie sofort beruhigte. Sie setzten sich an einen kleinen Tisch, der von einer Vielzahl bunter Tassen und eines alten, handgeschriebenen Notizbuchs geprägt war. Clara erklärte, dass sie Glück in Form von speziellen Teemischungen anbot, jede definierte eine Art „geliehenes Glück“ für besondere Anlässe.

„Jeder Mensch hat das Potenzial für Glück in sich, manchmal brauchen wir jedoch einen kleinen Anstoß“, sagte Clara und füllte zwei Tassen mit dampfendem Tee. „Trink dies und spüre, wie dein Herz sich öffnet.“

Sophie skeptisch, aber auch fasziniert, nahm den Tee und trank einen Schluck. Sofort überkam sie ein warmes Gefühl und eine Welle der Erleichterung. Es war, als ob die Last ihrer Ängste einfach davongeschwommen wäre. Sie fühlte sich ermahnt, an ihre Fähigkeiten zu glauben.

„Das Glück, das du spürst, ist bereits in dir“, erklärte die alte Frau. „Ich kann dir nur helfen, es zu entdecken. Nimm es als Geliehenes, bis du sicher bist, dass du es selbst tragen kannst.“

Sophie verließ die Wohnung mit einem Lächeln. Der Auftritt nahem sich, doch ihre Ängste waren gemildert. Das „geliehene Glück“ gab ihr das nötige durch die meiste Unsicherheit. Auf der Bühne war alles anders – sie fühlte sich von der Energie des Publikums getragen, und als sie den ersten Ton anstimmte, wurde ein Teil ihres Traums Realität. Die Zuschauer waren gebannt.

Doch kurz vor dem Ende des Songs überkam sie ein Gedanke: „Was, wenn das nicht mein Glück ist? Was, wenn ich diese Energie verleihe, dadurch aber nicht wirklich ich selbst bin?“ Da trat eine Welle der Nervosität ein – das geliehene Glück erwehrte sich und plötzlich fühlte sie sich nackt.

Sie holte tief Luft, sah aufs Publikum, auf die Gesichter, die sie anfeuerten, und erinnerte sich an Claras Worte: „Das Glück liegt in dir.“

Mit neuer Kraft, ganz ohne die Angst, nahm sie die Kontrolle zurück. Sie sang, als ob es kein Morgen gäbe, und jede Note kam von ihrem Herzen, und nicht von den Erwartungen anderer. Als das Lied endete, brach das Publikum in lauten Applaus aus. Es war nicht das geliehene Glück, das für ihren Erfolg verantwortlich war, sondern ihr eigener Glaube an sich selbst.

Nach der Show fand Sophie Clara, die im Publikum gesessen hatte. „Ich habe das Glück einfach nur in dir geweckt“, lächelte die alte Frau. „Du hast es dir selbst geliehen, um es dann ganz zu dir zu machen.“

In diesem Moment begriff Sophie, dass der Schlüssel zum wahren Glück immer in sich selbst elangte, und dass jeder von uns die Kraft hat, zu strahlen, wenn wir an uns glauben. Es war nicht das Glück, das sie brauchte, sondern die Erkenntnis, dass das Glück bereits in ihr war – vollkommen und unantastbar.